Startseite » Artikel » Die Macht der Worte

Die Macht der Worte

Beckenboden Physiotherapie

Zu diesem Thema möchte ich schon lange schreiben. Die Macht der Worte… Damit meine ich vor allem was wir als Fachkräfte in der Medizin und Heilberufen sagen, beeinflusst den Heilungsprozess und möglicherweise das Leben unserer Patienten sehr stark.

Was Therapeut*innen und Ärzt*innen sagen bezüglich der Ursache und Prognose eines Problems beeinflusst Betroffene sehr viel mehr als Informationen, die diese aus dem Internet oder von Familienangehörigen bekommen. Dieser Einfluss kann über Jahre anhalten![1] In Studien zu diesen Themen bezieht sich dieser Einfluss auf negative Informationen, die Patienten Glaubenssätze formen lassen, welche deren Leben stark beeinflussen können. Wenn z. B. eine Frau mit Schmerzen im unteren Rücken gesagt bekommt, ihr Becken ist instabil und sie müsste aufpassen mit bestimmten Bewegungen, dann kann das dazu führen, dass sie Angst bekommt vor Bewegung, dass sie das Gefühl hat, ihr Becken fällt auseinander und vielleicht bekommt sie sogar Angst davor, schwanger zu werden, da ihr instabiles Becken, das nicht aushält (eine wahre Geschichte!). Ich nehme nicht an, dass dieses Resultat gewollt war, aber unsere Worte können eben solche Dinge bewirken! Worte haben sehr viel Macht.

Placebo und Nocebo

Beckenboden Physiotherapie

In Bezug auf die Sprache ist bei einem Placebo damit gemeint, dass eine positive Aussage, die zu einer positiven Einstellung führt, auch schlussendlich ein gutes Ergebnis zur Folge hat. Nocebo ist das Gegenteil. Sogar bei einer positiven Einstellung können negative verbale Ratschläge zu einem Nocebo Effekt führen.[2] Diese Phänomene beziehen sich auf Funktion und Schmerzen. Ein klassisches Beispiel dafür ist z. B. bei einem Patienten mit Bandscheibenvorfall, wenn gesagt wird: „Das kommt von einer falschen Haltung und Sie müssen jetzt immer auf ihren Rücken aufpassen und keine falsche Bewegung machen!“ Dieser Patient wird schreckliche Angst haben etwas falsch zu machen und dabei seine fragile Wirbelsäule zu verletzen. Möglicherweise fängt er an die ganze Zeit die Rumpfmuskulatur anzuspannen und bekommt dadurch andere Probleme. Möglicherweise vermeidet er in Zukunft Dinge, die ihm Spaß machen oder hört auf Sport zu treiben.

Ein Beispiel aus der der Beckengesundheit könnte eine Frau sein, die bei einer Untersuchung gesagt bekommt ihre Organe seinen verrutscht und die Blase kommt aus der Scheide. Diese Frau wird erst einmal einen Schreck bekommen und Angst vor den Folgen haben, sie wird vielleicht anfangen dauert ihren Beckenboden anzuspannen und dabei noch mehr Symptome bekommen. Die psychischen Auswirkungen solcher Aussagen sind enorm. Diese Beispiele sind recht harmlos. Ich höre tagtäglich Dinge, die mir die Tränen in die Augen treiben.

Ein paar Worte zu Verschleiß und Senkungen

Es gibt viele Studien in denen untersucht wurde, wie der Zusammenhang zwischen Verschleißanzeichen (z. B. Arthrose oder Bandscheibenveränderungen) und Schmerzen ist (oder nicht ist!). Mit steigendem Alter nehmen auf Kernspinaufnahmen die Anzeichen für Verschleiß zu (mit 30 haben über 50 % Bandscheibendegeneration) und diese sind nicht abhängig von Schmerzen.[3] Das bedeutet, dass bei einem 42-Jährigen mit Sicherheit Abnützungen festgestellt werden, bei bildgebenden Untersuchungen diese aber nicht unbedingt mit seinen Symptomen in Zusammenhang stehen. Ich möchte auf keinen Fall damit sagen, dass wir Patient*innen erzählen sollen, die mit Schmerzen kommen, dass diese nichts mit dem zu tun hat, was auf dem MRT gefunden wurde! Natürlich nehmen wir immer jeden Schmerz ernst!! Aber wir könnten auf unsere Sprache achten. Aussagen wie: „Da ist alles Knochen an Knochen“ oder „die Wirbelsäule sieht aus wie ein Trümmerhaufen“ sind Nocebos und verändern das Denken und Handeln der betroffenen Person.

Beckenboden Physiotherapie

Senkungen sind in meinem Alltag gängiger als Gelenkprobleme. Wir wissen aus Studien, dass viele Frauen nach Schwangerschaften, Geburten, mit Bindegewebsschwäche oder mit dem Altern eine leichte Senkung haben, die aber oft symptomfrei ist und möglicherweise auch nicht schlimmer wird.[4] Wenn einer Frau bei einer Untersuchung gesagt wird, sie hat eine Senkung oder die Blase kommt raus, ist das ein Riesenschreck. Die Frau wird sich wahrscheinlich große Sorgen machen, was diese Diagnose bedeutet und steigert sich vielleicht immer mehr hinein. Es kommt auch hier sehr auf die Worte an! Selbst bei einer deutlichen Senkung dürfen wir keine Panik verbreiten.

Worten können sich auch positive auswirken

Es ist im Grunde gar nicht so schwierig, unsere Worte zu steuern und damit einen positiven Effekt zu erzielen. Erst einmal sollten wir uns Gedanken darüber machen, was wir sagen und wie das gesagt wirkt, sich vielleicht in die Person hineinversetzten. Und dann achtsam mit den Worten umgehen! Wenn man jemandem erklären möchte, dass eine bestimmte Aktivität das Problem verschlimmern kann, dann sollte diese Aussage nicht generalisiert werden. Die Aussage könnte sein: „Im Moment kann schweres Heben/ Joggen/ Beugen die Symptome verschlimmern und deshalb würde ich dazu raten, es in nächster Zeit zu vermeiden, bis x y z sich verbessert hat.“ Eine generelle Aussage kann Menschen jahrelang begleiten und zu einem festen Glauben werden, dass z. B. schweres Heben / Joggen / Beugen schlecht für sie sind und das beeinträchtigt die Lebensqualität.

Wir können mit unseren Worten anderen Mut machen Dinge anzupacken, wir können respektvoll sein und Angst abbauen. Es braucht nicht viele Worte, aber Worte, die mit Bedacht gewählt wurden.

Keiner ist perfekt. Es passiert, dass wir etwas sagen, das dann in die falsche Richtung geht. Schön ist es dann, wenn die andere Person genug Vertrauen hat es auszusprechen, dass das Gesagte Ängste ausgelöst hat und wir bekommen eine Chance es richtigzustellen. Wir können aber jeden Tag versuchen so gut es geht achtsam zu sein, mit dem was wir sagen. Denn Worte haben unglaublich viel Macht.

Beckenboden Physiotherapie

[1] Darlow B, Dowell A, Baxter GD, Mathieson F, Perry M, Dean S. The enduring impact of what clinicians say to people with low back pain. Ann Fam Med. 2013 Nov-Dec;11(6):527-34. doi: 10.1370/afm.1518. PMID: 24218376; PMCID: PMC3823723.

[2] Corsi, N, Andani, ME, Sometti, D, Tinazzi, M, Fiorio, M. When words hurt: Verbal suggestion prevails over conditioning in inducing the motor nocebo effect. Eur J Neurosci. 2019; 50: 3311– 3326. https://doi.org/10.1111/ejn.14489

[3] Brinjikji, W., Luetmer, P. H., Comstock, B., Bresnahan, B. W., Chen, L. E., Deyo, R. A., Halabi, S., Turner, J. A., Avins, A. L., James, K., Wald, J. T., Kallmes, D. F., & Jarvik, J. G. (2015). Systematic literature review of imaging features of spinal degeneration in asymptomatic populations. AJNR. American journal of neuroradiology36(4), 811–816. https://doi.org/10.3174/ajnr.A4173

[4] Handa VL, Garrett E, Hendrix S, Gold E, Robbins J. Progression and remission of pelvic organ prolapse: a longitudinal study of menopausal women. Am J Obstet Gynecol. 2004 Jan;190(1):27-32. doi: 10.1016/j.ajog.2003.07.017. PMID: 14749630.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.