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Senkung der Beckenorgane

Eine Senkung (Prolaps) der Beckenorgane bedeutet das Absinken eines oder mehrerer Organe des Beckens, also Blase, Gebärmutter und Enddarm. 2016 wurde ein Dokument veröffentlicht, um die Begriffe international übereinstimmend zu definieren. Darin heißt es, dass für eine Diagnose sowohl die klinischen Beweise in einer Untersuchung gefunden werden als auch Symptome vorhanden sein sollten. [1] Dieser Zusatz ist vor allem deshalb wichtig, weil bei den meisten Frauen, die ein Kind vaginal entbunden haben, eine leichte Senkung vorhanden ist, oft symptomfrei.

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Bild aus dem Buch “Pelvic Floor Recovery” von Sue Croft, demnächst auch auf deutsch erhältlich.

Ursache und Risikofaktoren

Die Organe werden vom Bindegewebe (Faszien und Bänder) in ihrer Position gehalten. Unterhalb der Beckenorgane befindet sich die Beckenbodenmuskulatur, die die Organe von unten stützt, während von oben das Zwerchfell (der Atemmuskel) und die anderen inneren Organe Druck nach unten ausüben. Der Druck im Bauchraum (intraabdominaler Druck) wird z. B. beim Husten, Niesen, schwer Heben, Hüpfen etc. erhöht. Wenn das Bindegewebe sich zu stark dehnt und / oder die Beckenbodenmuskulatur nicht gut unterstützt, kann es zu einer Senkung der Beckenorgane kommen. Mögliche Ursachen, die dazu führen, sind: [2]

  • Defekte am Bindegewebe durch die starke Überdehnung bei einer vaginalen Entbindung.
  • Genetische Bindegewebsschwäche.
  • Schwäche oder Schäden der tiefen Beckenbodenmuskeln (Levator ani), häufig durch vaginale Entbindungen.
  • Abrisse der Levator ani Muskulatur am Schambein (Levator ani Avulsion) bei vaginalen Geburten. Dadurch wird die Lücke zwischen den Muskeln (Levator Hiatus) vergrößert. Je größer die Lücke, umso höher ist das Risiko, dass sich die Blase oder Gebärmutter absenkt. [3]
  • Schädigung durch Überdehnung oder Kompression des Nervs (Pudendus Nerv), der die Beckenbodenmuskulatur versorgt.
  • Häufiges Pressen beim Stuhlgang bei Verstopfung oder chronischer Husten z. B. bei Lungenerkrankungen.

Symptome

  • Das Gefühl einer Wölbung an der Scheide oder ein Fremdkörpergefühl wie ein verrutschter Tampon. Teilweise kann diese Vorwölbung mit den Fingern ertastet werden
  • Druck, Schweregefühl oder Ziehen im Bereich des Beckens
  • Schmerz im unteren Rücken und Kreuzbein oder Regelschmerzen
  • Probleme bei der Stuhlentleerung, z. B. Verstopfung, Gefühl der inkompletten Entleerung, starker Drang, Dammunterstützung mit der Hand oder vaginaler Druck zur Stuhlentleerung notwendig
  • Probleme bei der Blasenentleerung, z. B. veränderter Harnstrahl (langsam oder spritzend), Schwierigkeiten beim Entleeren, Restharn, Drangprobleme, Nachtröpfeln, Brennen etc.
  • Harninkontinenz
  • Häufigere Harnwegsinfektionen
  • Schmerzen, Gefühl einer Blockade oder weniger Empfindung beim Geschlechtsverkehr
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Arten von Senkung

Ein Vorfall der Vorderwand oder eine Zystozele ist auf eine zu starke Dehnbarkeit der Vaginalwände zurückzuführen, wodurch sich die Blase in die Scheide wölbt. Es kann sich wie eine weiche Schwellung an der Vorderseite der Scheide anfühlen.

Hinterwandprolaps oder Rektozele ist ein Absinken des Rektums nach vorne in die Scheide. Es fühlt sich auch an wie eine weiche Schwellung, kann ich aber auch hart anfühlen, wenn sich Stuhl im Enddarm befindet.

Uterusprolaps ist eine Gebärmuttersenkung (Descensus uteri). Der Gebärmutterhals kann sich nahe der Öffnung befinden und fühlt sich eher hart an (wie die Nasenspitze).

Es gibt außerdem noch Senkungen des Scheidenstumpfes (nach einer Gebärmutterentfernung), des Rektums (Gewebe aus dem After), der Harnröhre oder eines Dünndarmanteils (Enterocele).

Behandlung

Am Anfang sollte die konservative, also nicht-operative Behandlung stehen. Diese beinhaltet in erster Linie die Behandlung durch eine auf Beckengesundheit spezialisierte Physiotherapeutin*, die die Beckenbodenmuskulatur intern untersuchen kann. Dies wird in den deutschen Leitlinien zur Behandlung von Beckenorgansenkung erwähnt und gleichzeitig darauf hingewiesen, dass ein unspezifisches Training damit nicht gleichzusetzen ist.[4]

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Vaginale Gewichte können ein sinnvoller Zusatz bei einem Kräftigungsprogramm sein.

Nach einer Untersuchung, einem sogenannten Beckenboden-Check, wird ein gezieltes Programm für die Beckenbodenmuskulatur zusammengestellt, z. B. zur Verbesserung der Kraft (Muskelaufbau), Koordination oder Reaktivität. Außerdem ist es wichtig, das gesamte Becken und den Rest des Körpers in Bezug auf das Senkungsproblem zu betrachten. Hohe intraabdominale Drücke (z. B. beim Husten, Heben etc.) sollten besser kontrolliert oder reduziert werden. Der Einsatz eines starken Beckenbodens zum richtigen Zeitpunkt ist oft sehr hilfreich. Pressen beim Stuhlgang muss vermieden und ungünstige Entleerungstechniken sollten optimiert werden. Häufig wird Frauen gesagt, sie dürfen nicht mehr heben, ihren Lieblingssport nicht mehr machen oder andere Dinge vermeiden, die ihnen wichtig sind. Das ist vor allem auch für junge Frauen eine schreckliche Nachricht. Mit gezieltem Training, langsam steigerndem Wiedereinstieg, passenden Modifikationen und manchmal anderen Hilfsmitteln (wie Pessaren) können Frauen die Dinge machen, die sie wollen, denn Sport, Bewegung und Lebensqualität sollten im Fokus einer Behandlung stehen.

Die Verwendung von Pessaren ist eine andere konservative Option. Pessare sind meist aus medizinischem Silikon und es gibt sie in verschiedenen Formen und Größen. Sie werden in die Scheide eingeführt und unterstützen die sich senkenden Organe. Gut angepasste Pessare sind einfach in der Handhabung und beim Tragen nicht zu spüren. Einige Frauen tragen ihr Pessar nur beim Sport oder schwerem Heben, andere tragen es den ganzen Tag. Der Einsatz von Pessaren kann die Lebensqualität deutlich verbessern.

Operationen zur Korrektur von Senkungen sind auch eine Möglichkeit, vor allem nach nicht erfolgreicher konservativer Behandlung. Frauen mit starkem Beckenboden und dem Wissen über gute Blasen- und Darmgewohnheiten haben in der Regel ein besseres Operationsergebnis. Deshalb ist die konservative Behandlung nie verschwendete Zeit, auch wenn am Ende eine Operation nötig sein sollte.

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[1] Haylen, B.T., Maher, C.F., Barber, M.D., Camargo, S., Dandolu, V., Digesu, A., Goldman, H.B., Huser, M., Milani, A.L., Moran, P.A., Schaer, G.N. and Withagen, M.I. (2016), An International Urogynecological Association (IUGA) / International Continence Society (ICS) Joint Report on the Terminology for Female Pelvic Organ Prolapse (POP). Neurourol. Urodynam., 35: 137-168. https://doi.org/10.1002/nau.22922

[2] Dietz, H.P. – 2015/7/01, Pelvic organ prolapse – a review – Australian Family Physician – The Royal Australian College of General Practitioners (RACGP)- 446- 452- 44

[3] Dietz, H.P. (2013), Pelvic floor trauma in childbirth. Aust N Z J Obstet Gynaecol, 53: 220-230. https://doi.org/10.1111/ajo.12059

[4] Baeßler K, Aigmüller T, Albrich S, Anthuber C, Finas D, Fink T, Fünfgeld C, Gabriel B, Henscher U, Hetzer FH, Hübner M, Junginger B, Jundt K, Kropshofer S, Kuhn A, Logé L, Nauman G, Peschers U, Pfiffer T, Schwandner O, Strauss A, Tunn R, Viereck V. Diagnosis and Therapy of Female Pelvic Organ Prolapse. Guideline of the DGGG, SGGG and OEGGG (S2e-Level, AWMF Registry Number 015/006, April 2016). Geburtshilfe Frauenheilkd. 2016 Dec;76(12):1287-1301. doi: 10.1055/s-0042-119648. PMID: 28042167; PMCID: PMC5193153.

*Aus Gründen der besseren Lesbarkeit verwende ich hier die weibliche Form.

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