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Die überaktive Blase

Zur Weltkontinenz Woche 2021 wollte ich endlich mal über die überaktive Blase schreiben. Häufig liest man auch die Abkürzung OAB für ‚Overactive Bladder Syndrome‘. Die typischen Symptome dabei sind anfallartiger Harndrang und häufiges Entleeren der Blase mit oder ohne unkontrollierten Harnverlust (Dranginkontinenz), teilweise gibt die Blase nicht einmal nachts Ruhe. Es handelt sich also um eine Speicherstörung der Blase, was bedeutet, dass das Halten von normalen Urinmengen schwierig oder nicht möglich ist.[1]

Beckenboden Physiotherapie, überaktive Blase

In einer Studie von 2011 wurde geschätzt, dass über 20 % der Weltbevölkerung (20 Jahre oder älter) an einer überaktiven Blase leiden. Darin wurden auch andere Blasenprobleme analysiert, wie Symptome der unteren Harnwege, Urininkontinenz und Harnabflussstörungen. Es wird darin geschätzt, dass über 45 % weltweit an diesen Problemen leidet! [2] Solche Zahlen rücken die Wichtigkeit der Weltkontinenz Woche noch einmal in ein anderes Licht. Wie können so viele Menschen an Problemen leiden, die noch immer Tabuthemen sind? Viele suchen aus Scham keine Hilfe, obwohl Blasenprobleme die Lebensqualität wahnsinnig einschränken können. Es gibt gute Behandlungsmethoden und je früher man anfängt, etwas dagegen zu machen, umso besser.

Was ist eigentlich normal?

Die Nieren produzieren Urin, der über die Harnleiter in die Blase läuft. Nach und nach wird die Blase dabei voller und die Blasenwand dehnt sich. Die äußerste Schicht der Blase besteht aus dem Detrusormuskel, das ist ein glatter Muskel, den wir nicht bewusst anspannen oder entspannen können. Rezeptoren in der Blasenwand melden dem Gehirn über Nerven, wie stark die Blase schon gefüllt ist. Normalerweise bekommen wir das Gefühl einer vollen Blase zwischen 300 – 500 ml und sind in der Lage, wenn die Situation gerade unpassend zum Entleeren ist, den Urin länger zu speichern. Je voller die Blase ist, umso stärker wird auch der Drang.

Beckenboden Physiotherapie, überaktive Blase

Manchmal ist es aber normal, früher einen starken Drang zu bekommen, z. B. wenn die Blase sehr schnell befüllt wird (wenn wir viel auf einmal trinken) oder wenn die Blase durch Koffein oder andere Reizmittel irritiert wird.

Wenn wir dann beschließen, dass es eine gute Zeit ist, die Blase zu entleeren, sollten wir in der Lage sein, ohne Probleme zur Toilette zu gehen, und erst wenn wir bereit sind, zieht sich der Detrusormuskel zusammen und presst den Urin heraus, ohne Restharn zurückzulassen.

Wenn wir am Tag ungefähr 2 Liter Flüssigkeit zu uns nehmen, sollten wir dafür 5-6-mal zur Toilette gehen und nachts möglichst nicht, aber einmal gilt als normal.

Was geht schief bei einer überaktiven Blase?

Wenn anfallartiger Harndrang plötzlich auftritt, ist es immer wichtig, Harnwegsinfektionen auszuschließen, denn manchmal ist der starke Harndrang das einzige Symptom.

Beckenboden Physiotherapie, Inkontinenz, überaktive Blase

Oft sind es die Nerven der Blase, die zu viele Nachrichten an das Gehirn schicken und nicht immer lassen sich die Gründe dafür nachvollziehen. Teilweise ist es aber auch der Detrusormuskel der sich während des Füllens schon zusammenzieht. Ein Auslöser für die Symptome können wiederkehrende Harnwegsinfektionen, andere Infektionen im Genitalbereich, psychischer Stress und selten auch schlimmere Erkrankungen sein. Auch eine Blasensenkung kann starken Harndrang hervorrufen. Östrogenmangel, z. B. nach den Wechseljahren ist ein anderer häufiger Grund für das Auftreten von Drangproblemen und Inkontinenz.

Behandlungsmöglichkeiten bei einer überaktiven Blase

Wie schon erwähnt, es ist immer wichtig, erst einmal abzuklären, ob es einen Grund gibt für die Blasensymptome, wie z. B. eine Harnwegsinfektion oder andere Erkrankungen. Ist eine Senkung der Auslöser sollte diese behandelt werden (manchmal verschwindet der Drang mit einem Pessar). Bei Östrogenmangel nach den Wechseljahren können östrogenhaltige Cremes oder Zäpfchen verschrieben werden.

Wenn es keinen anderen Grund gibt und die Blase das Problem ist, sollte laut internationalen Leitlinien als erstes immer Blasentraining, Verhaltenstherapie (Lifestyle) und Beckenbodentraining versucht werden.[3] Auf Beckengesundheit spezialisierte Physiotherapeut*innen können bei solchem Problem helfen. Am Anfang der Behandlung ist ein Blasentagebuch (Miktionsprotokol) wichtig. Darin erkennt man, wie viel Volumen die Blase hält, bevor ein Drang kommt, denn das ist typischerweise eher niedrig. Außerdem wird auch das Trinkverhalten beobachtet, also was und wie viel getrunken wird. Das Blasentagebuchs ist nicht nur wichtig, um einen gezielten Behandlungsplan zu erstellen, sondern hilft auch nachzuvollziehen, ob die Therapie erfolgreich ist.

Beckenboden Physiotherapie, Inkontinenz, überaktive Blase
  • Blasentraining: Es gibt Techniken, die helfen, den starken Harndrang zu reduzieren/ kontrollieren. Diese kann man anwenden, um die überaktive Blase wieder zu trainieren, sich beim Füllen normal zu verhalten. Wenn die Füllvolumen klein sind, werden mithilfe dieser Techniken die Toilettengänge verzögert, um das Blasenvolumen zu erhöhen.
  • Lifestyle: Bestimmte Nahrungsmittel und Getränke können die Blase reizen. Die Klassiker sind z. B. Koffein, Alkohol, kohlensäurehaltigen Getränke, Zucker und scharfe Lebensmittel. Es kann sehr hilfreich sein, herauszufinden, was die Blase reizt und diese Dinge dann wegzulassen, zumindest für eine Weile. Viele vermeiden es zu trinken, um starken Harndrang und Urininkontinenz dadurch zu vermeiden. Das ist keine gute Idee! Denn stark konzentrierter Urin reizt die Innenwand der Blase noch mehr. Außerdem können dadurch anderen Probleme entstehen wie Verstopfung. Zu viel trinken sollte auch vermieden werden. Als Faustregel kann man die Formel 30 ml pro Kilogramm Körpergewicht pro Tag nehmen, wenn man schwer körperlich arbeitet oder viel Sport macht, erhöht sich dieser Wert.
  • Beckenbodentraining: Die Beckenbodenmuskulatur hilft, die Blase zu kontrollieren und wenn diese Muskeln z. B. schwach sind, können sie das nicht so effektiv wie sie sollten. Allerdings sind zu stark angespannte Beckenbodenmuskeln, die nicht lockerlassen können, genauso ineffektiv im Verschließen der Blase und zusätzlich können sie auch noch die Blasen irritieren. Beim Training kann es also darum gehen, die Muskeln zu kräftigen oder besser zu entspannen, manchmal auch beides.
Beckenboden Physiotherapie, überaktive Blase
  • Entspannung: Wenn Stress eine Rolle spielt, ist Entspannung im Sinne von gezielten Meditationen, Bodyscans oder Ähnlichem sinnvoll, um das vegetative Nervensystem zu beruhigen. Stress spielt oft eine sehr entscheidende Rolle in der Entstehung der überaktiven Blase und sollte nicht ignoriert werden.

Eine andere Behandlungsmöglichkeit sind Medikamente, in den Leitlinien die nächstbeste Therapie. Hier gibt es verschiedene Möglichkeiten, die Ärzte erklären können. Die klassischen Medikamente wirken an den Nerven bzw. den Rezeptoren. Bei einigen der Medikamente wird die Übermittlung der Nachrichten blockiert, damit sich die Blase nicht zusammenzieht. Leider können bestimmte Medikamente, die Anticholinergika, Demenz fördern (da sie nicht nur an der Blase wirken) und sollten vor allem bei älteren Menschen vermieden werden.[4] Neuere Medikamente stimulieren die Rezeptoren, die für die Entspannung der Blase verantwortlich sind und haben weniger Nebenwirkungen.

Eine weitere Option ist die Nervenstimulation mit einem Blasenschrittmacher, eine bewährte Behandlung bei überaktiven Blasen. Weil hier aber eine Operation nötig ist, werden erst die anderen Therapiemöglichkeiten ausgeschöpft.

Hier allerdings möchte ich kurz erwähnen, dass in der Behandlung bei einigen spezialisierten Physiotherapeut*innen auch TENS (Transkutane elektrische Nervenstimulation) einsetzt werden kann.[5] Erfahrungsgemäß ist das eine sehr einfache, nicht-invasive Methode, die allgemein gerne angenommen wird, weil die Nebenwirkungen sehr überschaubar sind, es einfach anzuwenden ist und die Ergebnisse oft überraschen. Man nennt diese Behandlungen „Neuromodulation“, also eine Art Neuprogrammierung der Nerven.

Eine überaktive Blase ist mehr als nur lästig. Sie schränkt Betroffene stark ein und beeinflusst die Lebensqualität negativ. Aber es gibt gute Behandlungsmöglichkeiten. Nur muss man dafür erst mal Hilfe suchen und diesen ersten Schritt zu gehen ist eine Riesenhürde. Es ist ein Tabuthema und den Betroffenen peinlich. Ich möchte alle Betroffenen ermutigen, sich an Ihren Arzt und spezialisierte Physiotherapeut*in zu werden und sich Hilfe zu holen.

Ich beantworte gerne Fragen zu diesem und anderen Themen rund um das Thema Beckengesundheit.

Beckenboden Physiotherapie, überaktive Blase

[1] Haylen BT, de Ridder D, Freeman RM, Swift SE, Berghmans B, Lee J, Monga A, Petri E, Rizk DE, Sand PK, Schaer GN; International Urogynecological Association; International Continence Society. An International Urogynecological Association (IUGA)/International Continence Society (ICS) joint report on the terminology for female pelvic floor dysfunction. Neurourol Urodyn. 2010;29(1):4-20. doi: 10.1002/nau.20798. PMID: 19941278.

[2] Irwin, D.E., Kopp, Z.S., Agatep, B., Milsom, I. and Abrams, P. (2011), Worldwide prevalence estimates of lower urinary tract symptoms, overactive bladder, urinary incontinence and bladder outlet obstruction. BJU International, 108: 1132-1138. https://doi.org/10.1111/j.1464-410X.2010.09993.x

[3] Lightner DJ, Gomelsky A, Souter L et al: Diagnosis and treatment of overactive bladder (non-neurogenic) in adults: AUA/SUFU Guideline amendment 2019. J Urol 2019; 202: 558.

[4] Coupland, C., Hill, T., Dening, T., Morriss, R., Moore, M., & Hippisley-Cox, J. (2019). Anticholinergic Drug Exposure and the Risk of Dementia: A Nested Case-Control Study. JAMA internal medicine179(8), 1084–1093. https://doi.org/10.1001/jamainternmed.2019.0677

[5] Burton, C., Sajja, A. and Latthe, P. (2012), Effectiveness of percutaneous posterior tibial nerve stimulation for overactive bladder: A systematic review and meta-analysis. Neurourol. Urodyn., 31: 1206-1216. https://doi.org/10.1002/nau.22251

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